Keine Ahnung was ich erwartet habe.
Singende Straßenchöre, weiße Tauben, Luftballonregen und nen rosaroten Himmel vielleicht. Oder nen Ruck, der durchs Universum geht. Dass das Gras heute grüner ist und der Himmel blauer, die Luft
luftiger und alles ein kleines bißchen besser.
Möglicherweise ist es das sogar.
Für mich.
Sollte mir eigentlich reichen, schätz ich, oder? *denk* :-/
Ich glaube, ich bin trotzdem deprimiert. Und ein kleines bißchen frustriert.
Ok, kein Ding, überleb ich alles, ist jetzt auch nicht tragisch, ich überleg nur so rum, wieso es so schwer ist, Freude zu teilen. Oder... warum es manchmal so unmöglich ist, das Innen nach Außen
zu bringen. Und welchen Sinn es macht, nur für sich selbst glücklich zu sein, weil das manchmal irgendwie keiner nachvollziehen kann, obwohl man denkt, es müsste für alle gelten.
*pff* -_-
Fühl mich grad wie Mika, der kleine DDR-Bewohner, der am 09. November '89 vom Mauerfall hört und spontan die Welt umarmen möchte, euphorisch in Erwartung sich in die Arme fallender Menschen aus dem
Haus nach draußen rennt und zunächst mal... niemanden sieht.
Etwas verwundert rennt er um die Ecke und beinahe in das Ehepaar Hollmann, die grad ihren Dackel Friedmar um den Block führen.
Mit einem geschluchztem "Die Mauer ist gefallen!" fällt Mika der völlig perplexen Frau Hollmann um den Hals, jene kann sich nur mit Mühe befreien, ehe sie ein "Und?" antwortet.
Ein bißchen irritiert wendet sich Mika Herrn Hollmann zu und fällt jenem auch nochmal in den Arm. "Oh Gott, die Mauer ist gefallen!"
Etwas hilflos und angestrengt lächelnd klopft Herr Hollmann Mika auf den Rücken und sagt Dinge wie "Aber das ist ja großartig."
Mika, der jetzt erstmal so richtig irritiert ist, geht taktvoll nen Schritt zurück, erkundigt sich brav nach Tante Liesbett und ob die Gallenstein-OP gut verlaufen ist und sagt, er müsse dann auch
jetzt nochmal kurz los um Toastbrot zu kaufen.
Um die nächste Ecke gelaufen muss man sich erstmal kurz sammeln. Meine Fresse, der Mauerfall! Freiheit! Zukunft! Perspektive! Alles ist anders, alles ist besser, ein Traum ist wahr, an den man
schon ewig nicht mehr geglaubt hatte, es ist unglaublich.
Jauchzend vor Glück sprintet Mika weiter um die frohe Kunde zu verbreiten und erblickt einen alten Bekannten, der auch sofort aufschaut und sagt: "Eh Mika, wasn los? Du strahlst wie drei
Neonröhren!"
Mika beugt sich runter, schaut dem Bekannten tief in die Augen und sagt: "Die Mauer ist gefallen!"
Der Bekannte lächelt etwa eine Viertelsekunde, dann senkt sich ein Schleier über sein Gemüt. Er hätte auch mal Leute gekannt, die Mauern gebaut haben, aber Menschen sind Lügner und die Welt ist
schlecht.
Als Mika kurz anmerkt, dass das schon was anderes ist, erzählt der Bekannte ihm von blöden Leuten, die er kennt, die aus seiner WG ausgezogen sind, dass er jetzt DSL hat, aber keinen Job und er
niemals eine Frau finden wird, da er fett und hässlich ist.
"Oh Mika... du bist gar nicht mehr so hell wie grade, wasn los? Hab ich dich jetzt irgendwie runtergezogen?"
"Och... lass ma, is nich so schlimm...du, ich muss dann auch.. man sieht sich."
Deprimiert schlurft Mika, der kleine DDR-Bewohner weiter. Nur schwer lässt sich die Euphorie von vorhin wieder bündeln. Das Gefühl von Glück und Freude ist unglaublichem Frust gewichen und Mika
muss erkennen, dass er nicht der Mittelpunkt der Welt ist und es im Grunde irgendwie doch keine Sau interessiert, ob Mauern stehen oder fallen.
Besonders wenns die eigenen sind.
Eltern!, denkt Mika plötzlich und bleibt stehen. Omg, natürlich. Sie MÜSSEN sich einfach freuen. Alles macht plötzlich wieder Sinn, das Essen schmeckt nach Essen, die Luft nach Kaugummi, die Welt
ist rosarot und nicht mehr schwarzgrau, irgendjemand MUSS sich freuen. Er fischt das Handy aus seiner Tasche und ruft seine Eltern an, wischt sich Freudentränen aus den Augen und dankt dem Himmel
kurz, bis irgendwann Mika-Mom am Hörer ist.
"Mom", schluchzt Mika, "die Mauer ist gefallen."
"Hm. Naja, das war ja irgendwie abzusehen...
- ... wtf?!? ... -
...Fährste dann morgen nach Westberlin? Reicht der Sprit überhaupt bis da?? Was machste denn, wenn da das Toastbrot 23 Pfennig mehr kostet? Ne, ich versteh ja wieso du dich freust, die Mauer war ja
auch schäbbich, ne? Muss man dann mal gucken, wohin jetzt mit den Steinen und so. Muss man ja auch erstmal aufräumen jetzt, da. Is ja alles voller Staub auch."
"Weißt du Mom... im grunde isses auch nicht so wichtig, ich glaub ich geh jetzt nach Hause und geh schlafen, ne? Machs gut."
*klick*
...
Und die Moral von der Geschicht:
Stephen King hat mal geschrieben (in "Brennen muss Salem", irgendwo am Anfang, ich hab damals die Passage unterstrichen und in die Seite ein Eselsohr gemacht), dass es das schlimmste ist, wenn man
die wichtigsten Dinge für sich behalten muss. Nicht weil sie so geheim sind, dass man sie nicht erzählen
darf, sondern weil sie einfach keiner versteht und man nur seltsam angesehen wird,
wenn man jemandem etwas offenbart, was einen zu Tränen rührt und der Gegenüber oft gar nicht weiß, was man grade von ihm will.
Dann hat man gerade das Wertvollste und Kostbarste zutage gebracht, was man hat, man ist total überwältigt und aufgeregt; und in den Augen des anderen sieht man nur ein hilfloses Fragezeichen
aufleuchten.
Das ist bitter.
Und so wahr.
Stephen King sprach in dem Moment von dem Gedanken eines Kindes.
Vielleicht bin ich einfach noch eins.
Zum Glück hab ich ne innere Schatzkiste für all die schönen Sachen, die mir keiner nehmen kann.
Ich pack das jetzt da rein und mach die Kiste wieder zu. Und nur ein paar andere Kinder dürfen nen Blick reinwerfen. ;-)
Things2Say