Verwandtschaftsassimilationsgefahr
Beerdigungen sind ja ganz nüchtern und emotionslos betrachtet eigentlich eine eher negative Form der Familienfeier. Dh die Feier an sich muss nicht unbedingt negativ sein, eher der Anlass in den meisten Fällen - aber oft genug ist jener dann der Grund, weshalb man mal Leute trifft, die man nie gesehen hat, mit denen man aber trotzdem um vier Ecken rum verwandt ist, ob man das nun will oder nicht, und die meistens Günther, Irmgard, Trude oder Manfred heißen. Wenn man dann als halbwegs junge Generation unter einem Altersdurchschnitt von 60+ rumeiert, kann das durchaus schon beängstigend sein, weil man Gefahr läuft, alle drei Meter in die Arme von älteren Damen zu rennen, die sich als Großtante Lieselotte vorstellen und sich grade noch so beherrschen können, einem in die Wange zu kneifen. oO'
Während also die Beerdigungszeremonie gestern an sich den Umständen entsprechend wirklich schön war, ging danach beim traditionellen Kaffeetrinken und Schnittchenessen der Spießrutenlauf dann erst richtig los. Halbwegs sicher war mal zunächst dann nur am eigenen Tisch, sobald man sich allerdings von jenem ein paar Meter in eine beliebige Richtung bewegte, musste man mit akutem Verwandtschaftsbefall rechnen - zu diesem Zweck war es, wie schnell klar wurde, besonders wichtig, dass man sich permanent und quasi unaufgefordert ausweisen konnte.
Raucher, die sich dann mal gepflegt nach draußen abzusetzen versuchten, hatten das dann besonders schwer; besonders wenn ihr Tisch am gegenüberliegenden Ende des Raumes war und man sich vorsichtig von Tisch zu Tisch robben musste, um unbehelligt den Flur erreichen zu können.
Das ging oft nicht gut. Schnell konnten dann mal Gehhilfen den Fluchtweg spontan versperren und ehe man sichs versah, war man einer betagten Person mit Rüschenbluse ins Netz gegangen. *gulp*
"Und wer sind Sie??"
"Öhm. Ich..ööh...Enkel und so."
"Name?"
"Mika...?"
"Spross von wem genau??"
"Meiner Mom..? oO" [*vorsichtig irgendwo an hinteren Tisch deut*]
"Ach diiiiiiiie, ja dann... [*Hand zerquetsch und langsam Gehhilfe ein kleines Stückchen sinken lass*] Ich bin Tante Ilse, Schwägerin väterlicherseits von der Inge! Kennste doch noch, ne?!?" [*erwartungsvoller Blick der einen kurzzeitig an Raubfische erinnert*]
"Ach... ja, genau. Tante Ilse. Wusst ichs doch." [*unsicher lächel und mit kurzem Schulterblick die Entfernung zur Ausgangstür abcheck*]
"Ich kenn euch noch, da ward ihr soooo klein!"
"Ja, die Zeit vergeht, nech...? Ich wollt übrigens grad..."
"Deine Schwester ist übrigens größer als du obwohl du älter bist!!"
"Stimmt. Danke für den Hinweis, das hör ich heut zum ersten Mal." [*dreist lüg*]
"Aber ihr seid beide so DÜNN!!! Iss doch ma n bißchen Kuchen!!"
"Ja äh.. später dann, ich muss dann auch jetzt mal..."
"Ach, das is immer so schade wenn man sich unter solchen Umständen dann sieht...""Ja, stimmt. Schon blöd und so. Glaub mich ruft auch grade..."
"BIst du auch schon verheiratet??"
"Öhm. Nö, grad nich."
"Deine Schwester ist aber schon verheiratet!"
"Ehrlich jetz? Der werd ich was erzählen..."
"Naja, du bist ja noch jung. Aber so DÜNN!"
"Ja doch..."
"Ist das normal so mit deinen Haaren?"
"Ja, im Moment schon. (??) [*Frage nich peil*]"
"Ach guck ma, da kommt Onkel Theo, den kennste bestimmt auch nicht mehr, ne?"
"Nie gesehen. Kann ich jetzt BITTE..." [*versuch Hand frei zu kriegen*]
"Ich geh jetzt erstma zur Lisbeth dann, wir sehen uns ja später noch." [*Hand hochzuck zum Wange kneifen, aber grad so beherrsch*]
"Kanns kaum erwarten. >_>" [*lächelnicksidestepszurTürmach*]
...
Hach ja.
Aber im Gegensatz zum Hauptprotagonsten leider wurde der Tag meinerseits gut überlebt, was schlussendlich auch an den Pusteschnittchen (und am Kuchen...) lag, wobei ich nochmal K. und meiner Sis für die beiden nervtötendsten Worte des Tages danken möchte, argh! Lustig fand ich gestern auch meine Tante, die auf Opas's damaligst beinahe-letzte-Worte-im-Dämmerzustand eingegangen war (in denen er noch im Krankenhaus liegend gefordert hatte, nach Haus gehen zu wollen um Rote Grütze zu essen), und ihm diesen Fruchtmatsch sorgsam in ne kleine Dose abgefüllt vorher noch in den Sarg geschmuggelt hatte. Na denn Mahlzeit. ^^
Ich bin trotz allem auch immer noch der Meinung, dass ich recht deutlich Opas Stimme im Chor in der Kirche vernommen habe, was so abwegig nicht ist, wenn man bedenkt, dass er dort auch immer seinen Stammplatz hatte. Ich sag nochmal das, was auf unserem Kranz draufsteht und meine das auch so:
Auf Wiedersehen, Opa.
:-)