Von toten Hunden
Trüber Tag heute, ich mag kaum erwähnen, dass es am Wochentag liegen KÖNNTE, weil es mittlerweile ja auf der Hand liegt, dass an einem Dienstag kaum was Schönes passieren kann. Dieses heutige Exemplar zeichnet sich wieder mal durch eine gewisse morgendliche Zähigkeit aus, die sich partout nicht abschütteln lassen will. Mag dann an der allgemeinen Wetterlage liegen oder an der Uhrzeit, daran dass nicht 20 Grad draußen sind oder dass schon wieder ein Zahnarztgang droht, weil sich jetzt auch der zweite Weisheitszahn dazu entschlossen hat, die wärmende Mundhöhle verlassen zu wollen; shice Gruppenzwang - grad heute jedenfalls mag sich meine Laune nicht so wirklich anheben lassen. Vielleicht war auch morgens schon die Musik im Radio/Ipod zu nachdenklichkeitsfördernd und im Endeffekt Schuld daran, dass man schon vor 9 Uhr wusste, was fürn Wochentag heute ist. -_-
Und an Tagen wie diesen merk ich immer wieder mal zwischendurch, wie schwer es ist, alte Gewohnheiten endlich abzuschließen, weil einem dann doch langsam auch mal wieder klar wird, dass sie einem die Eingeweide zerfressen, wenn man daran in der Hoffnung festhält, dass schon alles wieder ins Lot kommt wenn man nur genug Fakten der Realität einfach ausblendet.
Ein bißchen fühlt man sich dann immer wieder wie auf Entzug. Gewisse Verhaltensmuster abzulegen und Echos von nachhallenden Emotionen zu unterdrücken, die schon eine Weile ins Reich des Verflossenen gehören und möglichst auch da bleiben sollten, ist schwer. Zumindest, wenn der Hauch der Sentimentalität dran festpappt wie ein alter Kaugummi, auf den man immer wieder drauflatscht, obwohl man ständig versucht, einen großen Schritt drüber zu machen.
Jemand sagte letztens mal, dass man solche Dinge hinter sich herzieht wie einen toten Hund, der einem zB so viele Jahre eben ein so treuer Wegbegleiter war, dass man nicht wahrhaben möchte, dass er irgendwann an Altersschwäche eingegangen ist. Und wie so viele Menschen die ich kenne, die derzeit alle sehr ähnliche "Probleme" in der Richtung haben, zieht auch Mika seinen Hund namens Lüge immer noch an der Leine hinter sich her; in der Hoffnung, dass er nur tot spielt oder schläft und der Gestank seiner Verwesung weggeht, wenn man das nur standhaft genug ignoriert.
Möglicherweise war es der nette Nachbar, Herr Zufall, der grad seine Hecke geschnitten hat und dabei aus Versehen die Hundeleine traf, als jemand daran mit seinem alten Gewicht vorbeischlurfte. Und irgendwann wunderte sich jemand, dass ein Gewicht, an das er sich schon beinahe gewöhnt hatte, gar nicht mehr da war und das lose Ende der Leine gen Boden baumelte.
Und möglicherweise ist heute der Tag, an dem ein kleiner Junge namens Mika merkt, dass sein Hund gestorben ist und er die letzten Wochen auf die blödeste Unwahrheit reingefallen ist, die er sich selbst jemals erzählt hat; nämlich, dass der gute Toto zu den Tieren gehört, die Winterschlaf machen und es ganz normal ist, dass ihm Maden aus den Augenhöhlen kriechen.
Und so kam es, dass an einem trüben Dienstag irgendwo jemand am Straßenrand hockte, eine abgeschnittene Leine in der Hand hielt und gerne bittere Tränen vergossen hätte, wenn er gekonnt hätte, weil irgendwann der Punkt kommt, an dem man einsehen muss, dass Hoffnung zwar zuletzt stirbt, aber trotz allem nicht unsterblich ist - und man tote Dinge begraben sollte, anstatt sie überall hin mitzunehmen.
Irgendwann sieht man dann auch, dass es einfacher ist, ohne Gewicht weiterzugehen.