Von toten Hunden

Veröffentlicht auf von Mikael

Trüber Tag heute, ich mag kaum erwähnen, dass es am Wochentag liegen KÖNNTE, weil es mittlerweile ja auf der Hand liegt, dass an einem Dienstag kaum was Schönes passieren kann. Dieses heutige Exemplar zeichnet sich wieder mal durch eine gewisse morgendliche Zähigkeit aus, die sich partout nicht abschütteln lassen will. Mag dann an der allgemeinen Wetterlage liegen oder an der Uhrzeit, daran dass nicht 20 Grad draußen sind oder dass schon wieder ein Zahnarztgang droht, weil sich jetzt auch der zweite Weisheitszahn dazu entschlossen hat, die wärmende Mundhöhle verlassen zu wollen; shice Gruppenzwang -  grad heute jedenfalls mag sich meine Laune nicht so wirklich anheben lassen. Vielleicht war auch morgens schon die Musik im Radio/Ipod zu nachdenklichkeitsfördernd und im Endeffekt Schuld daran, dass man schon vor 9 Uhr wusste, was fürn Wochentag heute ist. -_-

Und an Tagen wie diesen merk ich immer wieder mal zwischendurch, wie schwer es ist, alte Gewohnheiten endlich abzuschließen, weil einem dann doch langsam auch mal wieder klar wird, dass sie einem die Eingeweide zerfressen, wenn man daran in der Hoffnung festhält, dass schon alles wieder ins Lot kommt wenn man nur genug Fakten der Realität einfach ausblendet.

Ein bißchen fühlt man sich dann immer wieder wie auf Entzug. Gewisse Verhaltensmuster abzulegen und Echos von nachhallenden Emotionen zu unterdrücken, die schon eine Weile ins Reich des Verflossenen gehören und möglichst auch da bleiben sollten, ist schwer. Zumindest, wenn der Hauch der Sentimentalität dran festpappt wie ein alter Kaugummi, auf den man immer wieder drauflatscht, obwohl man ständig versucht, einen großen Schritt drüber zu machen.

Jemand sagte letztens mal, dass man solche Dinge hinter sich herzieht wie einen toten Hund, der einem zB so viele Jahre eben ein so treuer Wegbegleiter war, dass man nicht wahrhaben möchte, dass er irgendwann an Altersschwäche eingegangen ist. Und wie so viele Menschen die ich kenne, die derzeit alle sehr ähnliche "Probleme" in der Richtung haben, zieht auch Mika seinen Hund namens Lüge immer noch an der Leine hinter sich her; in der Hoffnung, dass er nur tot spielt oder schläft und der Gestank seiner Verwesung weggeht, wenn man das nur standhaft genug ignoriert.

Möglicherweise war es der nette Nachbar, Herr Zufall, der grad seine Hecke geschnitten hat und dabei aus Versehen die Hundeleine traf, als jemand daran mit seinem alten Gewicht vorbeischlurfte. Und irgendwann wunderte sich jemand, dass ein Gewicht, an das er sich schon beinahe gewöhnt hatte, gar nicht mehr da war und das lose Ende der Leine gen Boden baumelte.

Und möglicherweise ist heute der Tag, an dem ein kleiner Junge namens Mika merkt, dass sein Hund gestorben ist und er die letzten Wochen auf die blödeste Unwahrheit reingefallen ist, die er sich selbst jemals erzählt hat; nämlich, dass der gute Toto zu den Tieren gehört, die Winterschlaf machen und es ganz normal ist, dass ihm Maden aus den Augenhöhlen kriechen.


Und so kam es, dass an einem trüben Dienstag irgendwo jemand am Straßenrand hockte, eine abgeschnittene Leine in der Hand hielt und gerne bittere Tränen vergossen hätte, wenn er gekonnt hätte, weil irgendwann der Punkt kommt, an dem man einsehen muss, dass Hoffnung zwar zuletzt stirbt, aber trotz allem nicht unsterblich ist - und man tote Dinge begraben sollte, anstatt sie überall hin mitzunehmen.
Irgendwann sieht man dann auch, dass es einfacher ist, ohne Gewicht weiterzugehen.

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Veröffentlicht in Spaß am Dienstag

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A
Sehr schwer darauf einen guten Kommentar zu bringen *seufz*. Ich glaube du kannst mit gewissen Dingen, Erinnerungen und zurück gelassenen fertig werden, sie soweit innerlich aufgearbeitet haben, das es weiter geht ... aber es wird immer diese Momente geben ... Orte, Gerüche, Geräusche, Textzeilen die dich in der Zeit zurück werfen werden und kurzzeitig ist alles wieder präsent als wäre es erst Gestern gewesen.<br /> <br /> Ganz schliesst man nie ab und man wird immer etwas mit sich nehmen. So oder so.
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M
<br /> Und das ist gut so, dass das so ist. :)<br /> Man, das wäre echt ne verlorene Zeit, wenn man sowas komplett von der Tafel wischen würde. Weißt, im Prinzip gehts auch genau darum, wenn ich sage Leine kappen. Um mal bei dem Bild zu bleiben:<br /> Ich möcht gern in Erinnerung behalten, wie Toto Stöckchen apportiert und Katzen auf Bäume jagt, wie n Verrückter durch Kornfelder rennt und vl böse Angreifer anknurrt; nicht wie Maden aus seinen<br /> Augen kommen. Dazu ist es wichtig, Dinge für sich zu begraben, um sie in schöner Erinnerung zu haben, weil sie so wertvoll sind, wie nichts sonst. Zumindest kann in dem Fall nichts mehr mit diesen<br /> Dingen passieren, es ist wie abspeichern und einfrieren, konservieren.<br /> Manche Sachen sind zu wichtig, um sie zerfallen zu sehen.<br /> Und das Bild vom lebenden Hund trägt sich leichter, als sein Kadaver.<br /> <br /> <br />
S
auweh...schwer, da was zu sagen, weil man die hintergründe nicht kennt. manchmal merk ich echt, wie weit weg ich bin und das tut irgendwie auch weh. der text ist cool geschrieben. irgendwie bringt er einen auch zum grinsen, obwohl er traurig ist, aber so soll's ja auch sein.<br /> ich war noch nie wirklich in dieser situation. hab immer alle reanimieren können. manchmal war's mein wille allein, der das dingens wieder zum laufen brachte. und ich sag mir halt immer, nur nie darüber nachdenken. mach ich auch nicht - übermässig leiden ist nicht so mein ding. ich hab manchmal angst, dass ich irgendwann mal ein gewicht für wen sein könnte. mann, ich tu echt alles, dass es nie so weit kommt. das wär mir mega-peinlich. total ekelhaft. lieber schneid ich mich selber vonner leine ab!
Antworten
M
<br /> Ich glaube, du bringst es grad auf den Punkt. Ist sowieso schwer zu sagen, welches Ende der Leine man ist; das mit dem Hund war nur ein Bild zum besseren Verständnis, was man auf viele Dinge<br /> anwenden kann. Es beschreibt mehr ein Gefühl oder einen Zustand; weniger zB Personen. Vl ist man auch einfach selbst der (fast?) tote Hund, unfähig, sich selbst wieder auf die Beine zu bringen. Und<br /> man wird so lange an einer Leine mitgeschleift, dass man gegen Ende einfach die Leine zerbeißen muss, weil man sonst draufgeht. Oder man weiß, dass die Person, die die Leine zieht sonst irgendwann<br /> an Erschöpfung krepiert, was man nicht will.<br /> <br /> Was immer es ist, man tut es, weil es notwendig ist. Weil der momentane Zustand aus irgendwelchen Gründen einfach unerträglich ist. Es ist etwas, was einem sehr wertvoll war, aber aus irgendwelchen<br /> Gründen einfach dem Leben zum Opfer fiel, was manchmal nichtmal mit dem eigenen festen Willen zu reanimieren ist, auch wenn man sich gewünscht hätte, es wäre irgendwie möglich.<br /> Ich wollte eigentlich damit nur sagen, dass manche Dinge irgendwann ihre Kompatiblität verlieren und es schwer ist, an Idealzuständen festzuhalten, wenn diese längst vorbei sind. Das festzustellen,<br /> ist allerdings meistens der erste Schritt zur Besserung. Erst wenn man altes begraben hat, kann man anfangen, das zu verarbeiten und sich neuem zuzuwenden. Ich häng ab und zu einfach zu sehr am<br /> früher fest. :/<br /> <br /> <br />